Leitartikel Humanismus

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ICH BIN MENSCH

UND NICHTS MENSCHLICHES IST MIR FREMD

Von der Humanitas zum Humanismus

 

Vortrag zum Festakt des Realgymnasiums Rämibühl im Schauspielhaus Zürich 4.9.2008

Humanitas, Humanismus und Humanisten

Salvete, auditores humanissimi!

 

Wenn wir in dieser Feierstunde den 175. Geburtstag des Realgymnasiums Rämibühl begehen, so wollen wir darüber nicht einen noch etwas älteren Jubilar vergessen, dem dieses Gymnasium viel verdankt und der in eben unserem Jahr sogar runde 200 Jahre alt geworden ist: den Humanismus.

Wie, werden Sie fragen, so jung soll der noch sein?

Nennen wir denn nicht auch Sokrates, Cicero und Erasmus Humanisten und rechnen sie damit zum Humanismus?

Ja, das tun wir, aber das Wort Humanismus ist in der Tat erst 200 Jahre alt.

Es wurde genau im Jahr 1808 in die Welt gesetzt, von einem Theologen namens Friedrich Immanuel Niethammer, der ein Freund von Schiller und Goethe, Fichte und Hegel war, und der es trotz Protestantentums im Königreich Bayern zur Stellung eines für das Bildungswesen zuständigen Zentralschulrats im Ministerium des Inneren gebracht hatte.

Niethammer also veröffentlichte in diesem Jahr eine Kampfschrift, die auch die ideologische Grundlage für die von ihm eingeleitete Schulreform bilden sollte, mit dem etwas umständlichen Titel:

Der Streit des Philanthropinismus und Humanismus in der Theorie des Erziehungs-Unterrichts unserer Zeit.

Philanthropinismus, das war die von Niethammer bekämpfte Theorie eines Johannes Bernhard Basedow, der in seiner Musterschule Philanthropinum nur lebenspraktisch nützliche Kenntnisse vermitteln wollte.

Ihm und seinen Gesinnungsgenossen setzte Niethammer sein Ideal einer allseitigen Geistesbildung, vor allem durch die alten Sprachen, den neu geschaffenen Humanismus, entgegen.

Die Vokabel Humanismus

 

Diese Schrift war, offen gestanden, trotz ihrer Leidenschaftlichkeit nicht gerade sehr mitreißend; umso zündender war aber die neue Vokabel Humanismus, die bald geradezu einen Siegeszug in allen europäischen Sprachen antrat. Schon 1813 spricht der alte Goethe von Humanismus, später etwa der junge Karl Marx, dann Arthur Schopenhauer, um nur die Prominentesten zu nennen.

 

Und heute erst recht ist Humanismus, wie uns der Blick in jede Tageszeitung lehrt, ein Wort in

fast aller Munde. Die Suchmaschine Google liefert allein unter dem englischen Lemma humanism gegen 5 Millionen Belege, die sonstigen modernen Sprachen steuern weitere Millionen bei. Welch ein Erfolg! Vielleicht besitzt Humanismus das Geheimnis so mancher großer Vokabeln: dass man sie umso lieber gebraucht, je weniger man genau weiß, was eigentlich damit gemeint ist.

 

Immerhin scheint sich die Welt über eines einig: Humanismus ist etwas Schönes, Positives, für das man sich, ohne zu erröten, einsetzen darf (anders als etwa bei den zweideutigen Brüdern Sozialismus oder Liberalismus). Fast nur notorische Eigenbrötler wie die deutschen Philosophen Martin Heidegger in seinem Brief über den Humanismus und in neuerer Zeit (1999) Peter Sloterdijk in seiner (fast ebenso unverständlichen) Elmenauer Rede, der er vor wenigen Tagen ein neues Statement hat folgen lassen, haben es gewagt, hier ein wenig wider den Stachel des Einverständnisses zu löcken. Sonst ist man sich in der allgemeinen Wertschätzung des Humanismus einig.

 

Ja, es ist unglaublich und fast peinlich: Sogar so inhumane Menschenverächter wie Adolf Hitler und Josef Stalin haben sich dem Namen nach zum Humanismus bzw. humanistischen Idealen bekannt (und vielleicht dank dem letzteren sind „humanistische Werte“ seinerzeit sogar in die Verfassung der alten DDR eingedrungen). Weniger verwunderlich ist, dass auch Papst Benedikt XVI. immer wieder einem zu erneuernden Humanismus das Wort geredet hat. Christliche wie marxistische und existentialistische Philosophen erklären sich zu Humanisten. Wohl fast jedes Jahr erscheint irgendwo, meist im Internet dokumentiert, ein „neuer Humanismus“, nuovo umanesimo, new humanism.“

 

 

Was also ist Humanismus?

 

Das lässt sich heute offenbar nicht mehr so leicht sagen, wir können eigentlich nur mit einer Formel des Aristoteles feststellen: pollachos legetai - man gebraucht das Wort in sehr verschiedener Hinsicht. Wenn wir zur Orientierung eine grobe Vereinfachung riskieren und uns dabei ausschließlich auf den volkstümlichen Sprachgebrauch ohne alle intellektuellen Finessen beziehen, dann lassen sich heute wohl vier Grundbedeutungen von Humanismus unterscheiden:

 

 

Erste Grundbedeutung

 

Humanismus ist oft soviel wie Humanität, Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit.

Als die Geigenvirtuosin Anne Sophie Mutter sich vor einiger Zeit in München für einen musischen Kindergarten für Kinder aller Religionen bzw. Konfessionen einsetzte, erläuterte sie das so:

„Es ist mein Bemühen [...] etwas zu schaffen, was von humanistischer Wichtigkeit ist [...], so dass wir einfach den Nächsten [...] in seinem Menschsein wahrnehmen.“

Nicht viel anders gebrauchte das Wort der wenig menschliche Erich Mielke, Stasi-Minister der DDR, als er am 10. Oktober 1989, der Demonstrationen müde, seiner Polizei die Knüppel frei gab mit den denkwürdigen Worten:

„Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus“.

Humanismus wäre humanes Verstehen statt des nunmehr erforderlichen Prügelns.

 

 

Zweite Grundbedeutung

 

Humanismus ist mindest ebenso häufig, wie bei Niethammer, ein Bildungsprinzip.

Vor allem versteht man darunter die Erziehung durch die alten Sprachen, Griechisch und Latein. In diesem Sinn sagt man, jemand sei ein (alter) Humanist, weil er ein humanistisches Gymnasium absolviert hat und die ersten zehn Verse der Odyssee auswendig weiß. Die Vokabel überrascht: Was hat das Erlernen etwa lateinischer Stammformen (cado cecidi casurus) mit Menschsein zu tun?

In gewisser Weise schon, wird der Verfechter humanistischer Bildung sagen. Auch diese Dinge trügen bei zu einer allgemeinen Menschenbildung, die eben den Menschen als solchen bilde, ihn nicht einseitig zu einem bestimmten Beruf ausbilde (für den man ja in der Tat meist keine lateinischen Stammformen benötigt).

So schreibt mein Münchner Universitätskollege, der Philosoph und frühere Bundesbildungsminister Julian Nida Rümelin: „Das ist das humanistische Credo: Bildung vor Ausbildung.“ Humanismus sei damit ein Gegenentwurf „zu einer Gesellschaft der homines oeconomici [...], in der der Mensch reduziert wird auf eine Rolle als Konsument und Produzent“.

Dies wären also die beiden heute gängigsten Begriffe von Humanismus: Humanismus als Mitmenschlichkeit, Humanismus als allgemeine Menschenbildung, besonders durch die klassischen Sprachen.

Diese beiden Begriffe werden gerne auch gegeneinander ausgespielt, vor allem der erste gegen den zweiten. So wirft man den sogenannten Humanisten oft vor, gerade sie hätten gegenüber dem inhumanen Naziregime nicht versagen dürfen. Oder man stellt die Forderung auf, Humanist solle nicht mehr der heißen, der den Homer im Urtext liest, sondern der den Menschen (vor allem dank Technik) eine menschenwürdiges Leben verschafft.

So vor vierzig Jahren der Informatiker Karl Steinbuch in einer Aufsehen erregenden pädagogischen Kampfschrift. Und soeben hat ein Evolutionsbiologe namens Ulrich Kutschera wieder einmal einen Neuen Humanismus ausgerufen, der diesmal in der Abschaffung der Geisteswissenschaften bestehen soll. Auch diese Umwertung der Werte setzt den klassischen Begriff von Humanismus als einer vor allem sprachlichen Bildung voraus.

Nur kürzer erwähne ich zwei weitere häufige Verwendungen von Humanismus.

 

Dritte Grundbedeutung

 

Wir verstehen unter Humanismus auch eine Epoche der europä ischen Geistesgeschichte, bezeichnet auch als Renaissance, die etwa von 1350 bis 1550 gedauert hat, von Petrarca bis Erasmus und Luther bzw. Huldrych Zwingli (der ja nicht nur unter die Theologen, sondern als Kommentator von Hesiod und Pindar auch unter die Humanisten und Philologen gerechnet wird).

Damals wurden bekanntlich die geistigen Grundlagen der Neuzeit gelegt durch eine Neuaneignung der klassischen Antike, deren Autoren studiert und als vorbild lich empfunden wurden. Der Name Humanismus hierfür ergab sich durch eine Rückübertragung vom Bildungsbegriff des 19. Jahrhunderts auf die Renaissancezeit.“

 

 

Vierte Grundbedeutung

 

Schließlich gibt es noch einen 4. Begriff von Humanismus, der heute vor allem im angloamerikanischen Sprachraum zu finden ist, ja dort geradezu dominiert:

Humanismus als Freidenkertum bzw. Atheismus. Wenn Sie die englische Ausgabe des Internetlexikons Wikipedia konsultieren, so finden Sie dort eine Definition von humanism, die ungefähr der Definition in der deutschen Ausgabe entspricht, aber mit einem bezeichnenden Zusatz (den ich gleich übersetze):

„Der Humanismus verwirft die Gültigkeit transzendenter Rechtfertigungen, wie zum Beispiel die Abhängigkeit von einem Glauben ohne Begründung [...] oder von Texten angeblich göttlichen Ursprungs.“

Hiermit sind klar die monotheistischen Religionen, besonders das Christentum gemeint: Humanisten wären demnach dezidierte Nichtchristen.

Auch in Deutschland definieren sich viele Parteien und Vereine, die den Humanismus im Firmenschild haben, mehr oder minder deutlich als antiklerikale Bewegungen, insbesondere die seit 1961 tätige Humanistische Union.

Übrigens wurde auch die atheistische Jugendweihe in der alten DDR ausdrücklich als „humanistisch“ bezeichnet.“

 

 

Weiter in der Begriffserklärung

 

So sind es also, wie gesagt, insgesamt vier gängige Bedeutungen von Humanismus, die wir unterscheiden können: 1. Humanismus als Mitmenschlichkeit, 2. Humanismus als Prinzip einer allgemeinen Menschenbildung, 3. Humanismus als Epoche der Renaissance, 4. Humanismus als Freidenkertum. Auch wenn wir die dritte Bedeu- tung, als von der zweiten abgeleitet, ausscheiden, bleiben immer noch drei grundverschiedene Humanismen übrig. Wie konnte es zu dieser Vielfalt so verschiedener Bedeutungen kommen? Und eine zweite Frage hängt damit zusammen: Woher hat dieses Wort eine solche Zauberkraft, dass jeder es gerne für sich und sein Anliegen vereinnahmen möchte?

 

Die erste Frage (nach der Bedeutungsvielfalt) lässt sich wenigstens teilweise beantworten, wenn wir die Vorgeschichte des Humanismusbegriffs betrachten. Wie Niethammer natürlich wusste, geht der von ihm geschaffene Begriff zurück auf das lateinische Wort humanitas, Lieblingsvokabel vor allem von Cicero - der somit als Großvater des Humanismus gelten kann, 1900 Jahre vor seinem Vater, Niethammer. (Ich zitiere gerade Cicero heute umso lieber, als der geistige Vater unseres Gymnasiums, Johann Caspar von Orelli, einer der verdientesten Cicerophilologen aller Zeiten war: Ich besitze persönlich und benutze dankbar seine riesige, zwölfbändige Ciceroausgabe, die in einigen Stücken noch immer kaum zu entbehren ist.) Dieses Wort humanitas scheint von Anfang an vieldeutig - wie man schon in der Antike festgestellt hat: Auf der einen Seite bedeute humanitas, sagt ein antiker Sprachkenner, Gellius, soviel wie „Umgänglichkeit und Wohlwollen (benevolentia) gegen alle Menschen“, entsprechend dem griechischen philanthropia, das wiederum ungefähr unserer „Humanität“ entspricht. Andererseits heiße das Wort humanitas aber auch soviel wie „Ausbildung und Unterweisung in den edlen Künsten (bonae artes), wobei vor allem an die nicht auf Gelderwerb gerichteten Disziplinen Rhetorik und Philosophie gedacht ist; dem entspreche dann im Griechischen paideia, „Bildung“.

 

Diese doppelte Bedeutung korrespondiert also ungefähr den ersten beiden Bedeutungen von (heutigem) „Humanismus“ (1. Mitmenschlichkeit, 2. allgemeine Bildung). Beide Bedeutungen scheinen an sich nicht schwer zu erklären, wenn man humanitas von humanus, „menschlich“ bzw. homo, „Mensch“, ableitet. Denn Mitmenschlichkeit, Solidarität gehört offenbar ebenso zum Wesen des Menschen wie die höhere Geistesbildung: Der Mensch ist als animal sociale, „geselliges Wesen“, ebenso auf Gemeinschaft angelegt wie als animal rationale, „vernünftiges Wesen“, auf geistige Betätigung. Dennoch ist es sonderbar, dass die Römer diese beiden ja immer noch verschiedenen Dinge mit ein und derselben Vokabel bezeichnet haben. Wieso?

 

Der erste, der über die Herkunft der Doppelnatur von humanitas nachgedacht hat, war meiner Kenntnis nach kein Geringerer als der Begründer des modernen protestantischen Gymnasiums, Philipp Melanchthon, Theologe, Philologe, Pädagoge, Luthers liebster Freund. In seiner in Wittenberg 1523 gehaltenen Uni- versitätsrede Eloquentiae encomium (Lobpreis des Beredsamkeit) sagt er Folgendes über den Ursprung des humanitas-Begriffs: „Was, glaubt ihr, war die Absicht der alten Lateiner, warum sie die Künste der Rede [Melanchthon engt die Bildung auf die sprachliche Bildung ein] humanitas nannten? Sicherlich waren sie der Meinung, dass durch das Studium dieser Disziplinen nicht nur die Zunge geschliffen, sondern auch die Rohheit und Barbarei der Gemüter in Ordnung gebracht werde (non linguam tantum expoliri, sed et feritatem barbariemque ingeniorum corrigi).“ Also die sprachliche Bildung, meint Melanchthon, d. h. die Bildung durch Grammatik, Literatur und vor allem Rhetorik, hat nicht nur geistesbildenden Wert, sondern auch moralischen.

 

Keineswegs hat Melanchthon diesen kühnen Gedanken erfunden, dieser hat vielmehr eine große Tradition, die bis ins vierte vorchristliche Jahrhundert, vor allem zum großen Redepädagogen Isokrates, einem Urgroßvater des humanistischen Gymnasiums, zurückgeht: Die Bemühung um den guten sprachlichen Ausdruck lehrt auch das gute Denken und das moralische Verhalten. Die klassische Formulierung dafür hat Ovid in einem Vers gefunden, den die Schullehrer seit 500 Jahren immer wieder gerne zitieren:

 

... didicisse fideliter artes emollit mores nec sinit esse feros.

„... Getreulich die Künste zu lernen [gemeint: Poesie und Rhetorik], | macht den Charakter auch mild, nimmt alle Rohheit hinweg.“

 

An solche Verse oder ähnliches denkt Melanchthon, aber völlig neu ist, dass er diese kühne, optimistische Konzeption mit dem Begriff der humanitas verbindet. Die antiken Zeugnisse indes geben gerade das nicht her.

 

Ich muss im Rahmen dieses Festvortrags darauf verzichten, Ihnen weitere Koryphäen der Philologie und Geistesgeschichte vorzustellen, die sich mit der Doppelnatur der humanitas abgegeben und Theorien dazu entwickelt haben. Da wäre vor allem der berühmte Johann Gottfried Herder zu nennen, der den Begriff der Humanität in der deutschen Sprache eingebürgert hat, dann der Stettiner Gymnasialdirektor Max Schneidewin in seinem schönen Buch über Die antike Humanität und vor allem der Straßburger Philologe Richard Reitzenstein, der in einer Geburtstagsrede auf Kaiser Wilhelm II. diejenige Konstruktion aufgestellt hat, die bis heute den meisten Beifall findet: Die Idee der humanitas sei von dem stoischen Philosophen Panaitios entwickelt und, fünfzig Jahre vor Cicero, an die Römer vermittelt worden. Aber dies scheitert unter anderem schon daran, dass Panaitios ausschließlich Griechisch gesprochen hat, wie alle griechischen Philosophen: Wie sollte dieser Graeculus auf humanitas kommen?

 

Wir verlassen also die Wissenschaftsgeschichte und beschäftigen uns statt dessen mit den fassbaren Ursprüngen der humanitas. Sie liegen klar vor unseren Augen, wenn wir diese nur aufmachen. Auch das Wort humanitas hat nämlich ein Geburtsjahr. Nachdem man fast anderthalb Jahrhunderte lang in der römischen Literatur, auch bei Cicero, nur von humanus, nie von humanitas, gesprochen hatte, erscheint die Vokabel plötzlich volle sechs Mal in den Jahren 81 und 80 v. Chr., in zwei Reden Ciceros. Und gerade in diese Zeit passt die Vokabel wie in keine andere. Es waren die Jahre der sullanischen Proskriptionen, die blutigste Zeit, welche die römische Geschichte bis dahin erlebt hatte: Mit allerhöchster Erlaubnis des Diktators Sulla wurden unschuldige Menschen, römische Mitbürger, oft um ihres schieren Geldes willen, umgebracht. Da appelliert Cicero in einer berühmten Gerichtsrede an die Richter und die Öffentlichkeit: „Entfernt aus dem Staat diese Grausamkeit unter Römern! [...] Es ist ja an ihr nicht nur das schlimm, dass sie so viele Bürger in furchtbarster Weise getötet hat, sondern dass sie auch den sanftmütigsten Menschen durch die Gewöhnung an Entsetzlichkeiten das Mitleid nimmt. Denn wenn wir sehen oder hören, wie zu allen Stunden Furchtbares geschieht, dann verlieren selbst wir, die wir von Natur ganz milde sind, durch diese ständigen Schrecklichkeiten allen Sinn für humanitas aus unserem Herzen (sensum omnem humanitatis ex animis amittimus).“ Hier heißt humanitas nichts anderes, als was es dem schieren Wortsinn nach bedeutet: „Menschsein, hominem esse“. Wer ständig Zeuge ist von unmenschlichen Taten, stumpft ab, so dass er das Gefühl für das Menschsein des anderen (den sensus humanitatis) und damit die Fähigkeit des Mitleidens verliert. Ich glaube nicht, dass Cicero etwas dagegen hätte, wenn wir heute diesen Satz den Verteidigern blutrünstiger, verrohender Computerspiele ins Stammbuch schrieben. Aber wie dem auch sei, das Wort humanitas und damit unsere „Humanität“ ist wahrscheinlich entstanden als Protestvokabel gegen die Inhumanität einer Zeit, die im Begriff war, die Fähigkeit zu verlieren, im anderen Menschen noch den Menschen zu erkennen.

Es ist leicht zu sehen, wie sich aus dieser frühesten Grundbedeutung von humanitas, Menschsein, die Gleichsetzung von humanitas mit Mitleid, misericordia, Milde, mansuetudo, Güte, clementia, entwickelt hat. Damit wird humanitas zur Tugend der Mitmenschlichkeit, und dies ist das ganze Altertum hindurch ihre vorherrschende Bedeutung geblieben. Wie aber konnte daraus die andere Bedeutung der geistigen vor allem sprachlichen Bildung entstehen? Auf einem eigenartigen, überraschenden Wege. Schon früh bezeichnet Cicero mit humanitas nicht nur die sozusagen humanen Tugenden Mitleid, Güte usw., sondern auch die Fähigkeit zum höflichen Umgang mit anderen Menschen, die umgängliche Art desjenigen, der sich zu benehmen und geistreiche, humorvolle Konversation zu machen versteht - also das, was man sonst in der Regel als urbanitas bezeichnet. „Was gehört mehr zur humanitas als die Fähigkeit zu witzig geschliffener Rede?“, heißt es bei ihm einmal; und humanitas behält immer auch diese Bedeutung humorvoll heiterer Urbanität. Diese Form der Mitmenschlichkeit verknüpft sich im Laufe der Sprachentwicklung leicht mit der Idee der literarischen Bildung, denn es ist ja klar, dass der gebildete, belesene Mensch, auch der bessere, unterhaltsamere Gesellschafter ist. So spricht Cicero seinem Gegner, dem Rohling Verres, zusammen mit sermo, Sprachvermögen, und litterae, literarischer Bildung, auch die mit diesen zusammenhängende humanitas ab.

 

Das war i. J. 70, gute zehn Jahre nach der mutmaßlichen Entstehung der Vokabel. Im folgenden Jahrzehnt weitet sich der Begriff dann noch weiter aus: humanitas umfasst nun die Bildung in Rhetorik und Poesie, vor allem auch in Philosophie; in späterer Zeit kommen sogar noch Arithmetik, Geometrie, Physik hinzu. Zitat: „Die andern Menschen h e i ß e n Menschen, wahrhaft Menschen s i n d aber nur die, die in diesen Künsten geschult sind“ (Cicero). Aber diese Ausweitung des Begriffs ist eher ungewöhnlich: Normalerweise denkt man jetzt und später bei humanitas an die sprachliche Erziehung, an eloquentia. Und immer bleibt, im Altertum zumindest, vorherrschend die Bedeutung der Mitmenschlichkeit - wobei die beiden Bedeutungen in wundersamer Weise interferieren können.

Nun laufen wir im Galopp durch die Jahrhunderte. Im Mittelalter spielt humanitas als Vokabel keine Rolle. Sie erwacht nach fast tausendjährigem

Dornröschenschlaf erst wieder am Ende des 14. Jahrhunderts, also eben zur Zeit des sogenannten „Humanismus“, und zwar unter ausdrücklicher Berufung auf Cicero und vor allem dessen Formulierung studia humanitatis, „Humanitätsstudien“ - worunter man jetzt vor allem Rhetorik, Poesie und Moralphilosophie versteht. Dabei ändert sich nun aber der Gebrauch dieser Formel in einer gegenüber Cicero fundamentalen Weise. Während dieser von den studia humanitatis in lässiger Selbstverständlichkeit als von etwas anerkannt Wertvollem gesprochen hatte, wird seine Formulierung nun zur Parole, zum Kampfwort einer neuen Bildung: Mit studia humanitatis bezeichnet man ja das neue Bildungsideal der Humanisten, das der alten mittelalterlich-scholastischen Bildung entgegengesetzt wird: Eloquenz gegen Vernachlässigung der Sprache, Cicero gegen Thomas von Aquin oder gar Aristoteles. Im Zentrum des neuen Ideals steht die vollkommene Sprachbeherrschung (eloquentia) in Prosa und Poesie. Darum nennen sich die Humanisten selbst oratores oder poetae (Redner oder Dichter).

 

So firmiert bis ins 18. Jahrhundert die Klassische Philologie bzw. der altsprachliche Unterricht unter dem Namen studia humanitatis oder auch (kürzer) humaniora, ihre Professoren sind immer auch Lehrer des mustergültigen Stils, in dem sich eben diese humaniora oder studia humanitatis verkörpern. Dabei konnte man sich die alte Doppeldeutigkeit des Worts humanitas zu Nutze machen, indem man, wie wir bei Melanchthon gesehen haben, die Hoffnung verbreitete, dass sprachliche Bildung auch eine moralisch sittigende Wirkung habe. Indes, diese alten studia humanitatis verloren an Strahlungskraft in dem Augenblick, als im 18. Jahrhundert die internationale Bedeutung des Lateinischen rapide zurück ging, in einem Maße, dass Latein auch als Gelehrtensprache gegen Ende des Jahrhunderts kaum mehr eine Rolle spielte. Wozu soll man jetzt noch lernen, lateinische Perioden zu drechseln? Wozu überhaupt Latein lernen? In der aufgeklärten Reformpädagogik von Basedow, Campe u. a. wird das Schulfach Latein auf ein - immer noch notwendiges - Mindestmaß zurückgestutzt.

 

Hier aber war die Gefahr, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde, dass mit der Reduktion der alten Sprachen die geistige Bildung überhaupt verdünnt wurde zur Abrichtung auf allerlei nützliche Fertigkeiten: Französisch, Reiten, Geographie, Tanzen ... Dem widersetzten sich mit gutem Grund Pädagogen wie Wilhelm von Humboldt und eben unser Niethammer, dem es gelang, die ganze Gegenbewegung auf den Begriff zu bringen: Das neue, vor 200 Jahren geschaffene Wort Humanismus, ein Kampfwort wie einst die studia humanitatis, signalisierte ja, dass es um die Ausbildung der geistigen Natur des Menschen gehen sollte, ohne Rücksicht auf berufliche Verwertbarkeit, natürlich unter Bewahrung der alten Sprachen - die aber nun nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern zur Schulung des Geschmacks und aus Gründen der formalen Bildung gelehrt werden sollten, Der hierfür geschaffene Humanismus, vereinte in glücklicher Weise den damals modernen Chic des Ismus (wie Liberalismus, Kommunismus usw.) mit dem alten Glanz und der Patina von Ciceros und Erasmus’ studia humanitatis.

 

Leider war der Erfolg der Vokabel weit größer als derjenige der Sache. Bereits die ersten nichtphilologischen Benutzer des Worts, die ich eingangs genannt habe, gebrauchen es in einem andern als dem von Niethammer intendierten Sinn: Goethe in dem der Humanität, Schopenhauer in dem des Optimismus, der junge Karl Marx in dem einer Aufhebung der Entfremdung des Menschen usw. Am verhängnisvollsten war die Deutung, welche gewisse Junghegelianer wie Arnold Ruge dem Humanismus gaben, indem sie ihn zur Religion des Diesseits erklärten und der zu überwindenden Jenseitsreligion des Christentums polemisch gegenüberstellten. So konnte Humanismus schließlich zum Atheismus werden. Armer Niethammer! Er war Zeit seines Lebens ein gläubiger Christ und vor allem bekennender Protestant, welcher, als guter Lutheraner, der katholischen Monstranz die in Bayern damals geforderte Kniebeuge standhaft verweigerte und damit sogar die Ungnade seines allergnädigsten Königs Ludwig I. riskierte. Ehre seiner Asche!

 

Wie kommt es aber zu dieser Vieldeutigkeit gerade von Humanismus, die ja noch weit über die von uns eingangs konstatierten vier Hauptbedeutungen hinausgeht? Nicht anders, nur noch viel ausgeprägter als bei der antiken humanitas: weil der darin liegende Begriff des Menschen selber so vieldeutig und schillernd ist. So denkt, wenn man von Humanismus hört, der eine an Sokrates, weil er die Philosophie vom Menschen begründet hat, der andere an Protagoras, nach dem der Mensch Maß aller Dinge sein soll, wieder ein anderer an Karl Marx, der den Menschen befreit habe, oder an den heiligen Franziskus, der die Aussätzigen gepflegt hat. Hat es da überhaupt noch Sinn, von „Humanismus“ zu reden?

 

Ich meine damit nicht, ob es Sinn habe, das Anliegen des Humanismus zu vertreten. Die meisten hier in diesem Theater werden davon überzeugt sein, dass Bildung, umfassende Bildung, wertvoller ist als bloß partielle Ausbildung, und dass dabei der Erziehung durch Sprache und Literatur eine große, der Mathematik zumindest ebenbürtige, Bedeutung zukommt. Sie werden auch meinen, dass eine solche allgemeine, vor allem sprachliche Bildung nicht nur eine solide Grundlage für das spätere Studium der verschiedensten Spezialfächer und für viele Berufe darstellt, sondern auch einen Wert in sich hat - den wieder einmal Cicero in unvergleichlicher Weise, auch im Hinblick auf die Freizeit, beschrieben hat: „Alle sonstigen Formen der Entspannung sind auf bestimmte Zeiten, Lebensalter und Orte beschränkt; diese aber (die literarischen Studien) geben der Kindheit Verstandesschärfe und dem Alter Erquickung, sie schenken uns Glanz im Glück, Zuflucht und Trost im Unglück, sie erfreuen uns zu Hause, sie sind auch auswärts nicht beschwerlich, sie gehen mit uns schlafen, mit uns auf Reisen, mit uns auch in den Urlaub.“ Denken wir daran: Fast ein Drittel unseres Lebens nimmt die Freizeit ein. Was wäre sie ohne eine irgendwie humanistische Bildung!

 

Kein Wort sei also gesagt gegen das Anliegen des Humanismus, das zeitlos und wichtig ist. Aber ist die Vokabel noch sinnvoll angesichts ihrer schillernden Bedeutungsvielfalt? Und könnte oder sollte man sie ersetzen?

 

Etwas in diesem Wort scheint mir fast unersetzlich, und das hängt zusammen mit seiner schon fast im ersten Ursprung gegebenen Doppeldeutigkeit: Mitmenschlichkeit u n d Geistesbildung. Sie entstand, wie wir gesehen haben, nicht eigentlich aus der Ansicht, dass geistige Bildung den Menschen per se auch sittlich bessern würde. Diesen Glauben von Isokrates, Melanchthon und vielen anderen können wir ja auch kaum aufrecht erhalten im Angesicht so vieler Gegenbeispiele. Wir wissen, um nur ein einziges schmerzliches Beispiel zu nennen, dass Heinrich Himmler Schüler eines Münchner humanistischen Gymnasiums und dass sein eigener Vater Latein- und Griechischlehrer war. Humanismus kann also kaum heißen, dass Literatur oder sprachlich-geistige Bildung automatisch den Menschen bessern müsse; und das hat ja auch gerade Cicero nie behauptet. Aber dass die Vereinigung von Bildung und Mitmenschlichkeit ein hohes und wunderbares Ziel ist, dies zumindest liegt in dem kaum entbehrlichen Wort Humanismus.

 

Dazu gehört aber vor allem auch die gebildete Geselligkeit, Heiterkeit, Urbanität und Humor - Dinge, die für Cicero und die Römer wichtiger Teil der humanitas waren, auch wenn der ernste Zentralschulrat Niethammer, ein Zögling des Tübinger theologischen Stifts, sie vergessen hat. Das musische Realgymnasium Rämibühl hat sie nicht vergessen - wie allein seine Festschrift und die ebenso virtuosen wie heiteren Tonsätze des Kammerchors heute Nachmittag beweisen -; und vielleicht ist es sogar ein kleiner Vorteil, dass im Namen Realgymnasium der Humanismus gar nicht vorkommt. Denn auf die Sache kommt es an, und ich persönlich würde jedenfalls noch lieber von humanitas als von Humanismus sprechen.

 

Wilfried Stroh, Freising.

 

 

Quelle: heiJORNALS - Universitätsbilbliothek Heidelberg; Link zum Artikel

 

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